Cybersicherheit in der IT geht mittlerweile über Perimeter-Verteidigung und Compliance-Checklisten hinaus. In der neuesten Folge von „FutureTalks“ von IT Insights spricht Justyna Szymańska-Laskowska mit Kathrina Meisl, Geschäftsführerin der secunet International GmbH und Global Head of Customer & Strategic Projects bei der secunet Security Networks AG, über die Kräfte, die die Cybersicherheit neu gestalten, und was diese sowohl für Führungskräfte als auch für technische Teams bedeuten. Kathrina arbeitet an der Schnittstelle zwischen Sicherheit, digitaler Infrastruktur und groß angelegten Innovationen im öffentlichen Sektor, darunter innere Sicherheit und automatisierte Grenzkontrolle.
Das Gespräch ist gerade jetzt besonders relevant, da KI sowohl die Geschwindigkeit als auch die Raffinesse von Angriffen verstärkt, während Unternehmen noch immer damit kämpfen, Cyberresilienz in die Praxis umzusetzen. Kathrina argumentiert, dass die eigentliche Herausforderung nicht darin besteht, ob Digitalisierung stattfinden soll, sondern wie sichere Systeme aufgebaut werden können, die skalierbar sind, ohne zur Belastung zu werden. Diese Spannung zieht sich durch die gesamte Folge.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- KI ist ein Beschleuniger, kein Ersatz für eine Cybersicherheitsstrategie. Sie kann die Erkennung und Effizienz verbessern, löst jedoch keine Probleme wie mangelhafte Governance oder eine unzureichende Architektur.
- Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit müssen gemeinsam konzipiert werden. Ein Prozess, der zwar sicher, aber unbrauchbar ist, wird in der Praxis scheitern; ein benutzerfreundlicher, aber schwacher Prozess birgt inakzeptable Risiken.
- Regulierung sollte skalierbares Vertrauen ermöglichen. Insbesondere bei der digitalen Identität und der Grenzkontrolle sind Rahmenbedingungen notwendig – doch diese sollten nicht schneller festgelegt werden, als die Technologie ausgereift ist.
- Papierbasierte Arbeitsabläufe stellen nach wie vor ein verstecktes Sicherheitsproblem dar. Rückverfolgbarkeit, Zugriffskontrolle und Überprüfbarkeit sind in digitalen Systemen weitaus besser gewährleistet als bei manuellen Übergaben.
- Karriereentwicklung entsteht durch kleine Entscheidungen. Umfassende Erfahrung, Mentoring und Zahlenverständnis tragen im Laufe der Zeit gemeinsam zu einer stärkeren Führungskompetenz bei.
KI in der Cybersicherheit: Ein Skalierungsfaktor, kein neues Sicherheitsmodell
KI in der Cybersicherheit: Ein Skalierungsfaktor, kein neues Sicherheitsmodell
Kathrinas erster und wichtigster Punkt ist, dass KI die Cybersicherheit nicht grundsätzlich als neue Kategorie schafft, sondern alles, was bereits vorhanden war, in einem größeren Maßstab umsetzt. Bedrohungsakteure gab es schon immer. Was sich geändert hat, sind die Geschwindigkeit, das Ausmaß und die Raffinesse dieser Bedrohungen. Wie sie es ausdrückt: „KI ist keine neue Kraft, die von außen kommt und die gesamte Branche umgestaltet. Es ist lediglich so, dass die gesamte Branche nun dank KI an Dynamik gewinnt.“
Diese Unterscheidung ist für Führungskräfte wichtig: Wenn KI als eigenständige Sicherheitsstrategie behandelt wird, laufen Unternehmen Gefahr, Werkzeuge mit Widerstandsfähigkeit zu verwechseln. KI kann die Erkennung beschleunigen, sich wiederholende Aufgaben automatisieren, menschliche Fehler reduzieren und die Prozesseffizienz verbessern. Aber sie ist ihrer Ansicht nach kein Geschäftsmodell, das Kunden einfach kaufen und als Wert an sich weiterverkaufen können. Ihr Wert zeigt sich erst, wenn sie eine umfassendere Sicherheits- und Betriebsstrategie stärkt.
Für technische Führungskräfte ist die Konsequenz klar: KI sollte innerhalb der Architektur bewertet werden, nicht über ihr. Die Frage lautet nicht „Sollten wir KI einsetzen?“, sondern „Wo verkürzt KI die Zykluszeit, verbessert die Signalqualität oder stärkt die Kontrollen, ohne neue blinde Flecken zu schaffen?“ Im Sicherheitsbetrieb kann KI beispielsweise dabei helfen, Warnmeldungen schneller einzustufen oder Anomalien schneller zu erkennen. Sind jedoch Identitätsmanagement, Zugriffskontrolle und die Reaktion auf Vorfälle unzureichend, beschleunigt KI lediglich ein ohnehin schon anfälliges System.
Kathrina verbindet KI zudem mit dem übergeordneten Trend der Digitalisierung. Sichere digitale Infrastrukturen sind in Wirtschaft, Verwaltung und öffentlichen Diensten nicht mehr optional. Je mehr Prozesse online verlagert werden, desto größer wird die Abhängigkeit von einer zuverlässigen Infrastruktur. In diesem Zusammenhang geht es bei der Cybersicherheit weniger um eine spezialisierte IT-Funktion als vielmehr um die Aufrechterhaltung des Betriebs.
Eine sichere digitale Infrastruktur hängt von der Regulierung ab – und nicht trotz ihr
Eine sichere digitale Infrastruktur hängt von der Regulierung ab – und nicht trotz ihr
Eines der zentralen Themen der Folge ist der Zusammenhang zwischen Innovation und Regulierung. Kathrina nennt die automatisierte Grenzkontrolle als konkretes Beispiel, da diese die gesamte Komplexität einer sicheren Digitalisierung verdeutlicht. Für einen Passagier sieht der Ablauf an einem E-Gate reibungslos und schnell aus. Hinter dieser Erfahrung verbirgt sich jedoch ein Geflecht aus Abhängigkeiten: Software, Hardware, die Anbindung an Altsysteme, Identitätsprüfung, Dokumentenprüfung und gesetzliche Anforderungen, die alle innerhalb von Sekunden funktionieren müssen.
Für die Fahrgäste ist das sehr praktisch … aber es muss auch sicher sein.
Dieser Kompromiss zwischen Komfort und Sicherheit ist kein abstraktes Konzept – in stark regulierten Branchen wie der Versicherungs- und Finanzbranche sowie der öffentlichen Verwaltung scheitert die digitale Transformation, wenn Sicherheit nur als nachträglicher Einfall betrachtet wird oder wenn Vorschriften erlassen werden, ohne zu verstehen, wie Systeme tatsächlich funktionieren. Meisl spricht sich nicht gegen Regulierung aus – sie plädiert für praktikable Regulierung: Rahmenbedingungen, die Interoperabilität, grenzüberschreitende Konsistenz und skalierbares Vertrauen ermöglichen.
Ihre Haltung ist eher pragmatisch als ideologisch. In einigen Bereichen, insbesondere im Zusammenhang mit KI, weist sie darauf hin, dass Europa möglicherweise Vorschriften erlässt, noch bevor die Technologie tatsächlich zum Einsatz kommt. „Vielleicht regulieren wir dort zu stark, noch bevor KI überhaupt Teil der Prozesse ist“, sagt sie. Der wichtigere Punkt ist nicht eine ablehnende Haltung gegenüber Regulierung. Es geht vielmehr darum, dass Regulierung keine Annahmen festschreiben sollte, bevor sich reale Anwendungsmuster abzeichnen.
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Sicherheit und Komfort müssen gemeinsam konzipiert werden
Wenn ein digitaler Prozess zwar sicher, aber unbrauchbar ist, werden die Nutzer ihn umgehen. Ist er hingegen zwar benutzerfreundlich, aber unsicher, geht das Unternehmen ein inakzeptables Risiko ein. Kathrinas Botschaft lautet, dass Sicherheit innerhalb des Arbeitsablaufs als Wegbereiter fungieren sollte und nicht als Hindernis, das diesem übergestülpt wird.
Der menschliche Faktor: Warum Papier nach wie vor ein Sicherheitsrisiko darstellt
Kathrinas Erklärung des menschlichen Faktors ist eine der praktischsten Erkenntnisse dieser Folge: Der beste Weg, Cyberrisiken zu verstehen, bestehe darin, alltägliche Arbeitsabläufe zu betrachten, in denen Papier nach wie vor dominiert, so ihre These. Vertrauliche Dokumente, die öffentliche Verwaltung und die behördenübergreifende Kommunikation sind nach wie vor anfällig, da jede Übergabe Unsicherheit mit sich bringt: Wer hat das Dokument in die Hände genommen, wo wurde es aufbewahrt, wer hat es transportiert, wurde es verändert und wie lange hat es gedauert, bis es die nächste Person erreichte?
Im Gegensatz dazu sorgen digitale Arbeitsabläufe für Nachvollziehbarkeit. „Man kann wirklich sehen, wer an dem Dokument gearbeitet hat, wer noch daran arbeiten wird und wer darauf zugreifen darf“, merkt sie an. Diese Transparenz ist nicht nur operativ praktisch, sondern stellt auch eine Sicherheitsmaßnahme dar. Zugriffsrechte, Protokolle und Prüfpfade reduzieren Unklarheiten und machen die Rechenschaftspflicht durchsetzbar.
Wichtig ist, dass Kathrina die Digitalisierung nicht romantisiert – sie räumt ein, dass der Übergang ungleichmäßig verläuft: In einigen Bereichen von Verwaltung und Wirtschaft sind digitale Systeme weit fortgeschritten; in anderen, insbesondere in Deutschland, wird nach wie vor stark auf Papier gesetzt. Diese Ungleichmäßigkeit ist von Bedeutung, da hybride Umgebungen oft die schlechtesten Risikoprofile aufweisen. Informationen entstehen in einem System, durchlaufen ein anderes und landen schließlich in einem dritten, wo sie nur teilweise überwacht werden.
Für technische Führungskräfte lautet die Lehre, Arbeitsabläufe durchgängig abzubilden: Bei der Cybersicherheit geht es nicht nur um Firewalls, Endgeräteschutz oder die Cloud-Sicherheitslage. Es geht auch darum, wo Daten einspeisen, wo sie dupliziert werden, wer darauf zugreifen kann und wie die Rückverfolgbarkeit systemübergreifend gewährleistet wird. Für Führungskräfte bedeutet dies, dass sich Sicherheitsinvestitionen oft nicht nur durch weniger Vorfälle auszahlen, sondern auch durch Prozesseffizienz, Verantwortlichkeit und bessere Governance.
Ein ausgereiftes Sicherheitsprogramm digitalisiert nicht einfach nur Papier – es ersetzt Unsicherheit durch Kontrolle. Deshalb betrachtet Kathrina Sicherheit nicht als Belastung, sondern als notwendige Ergänzung zu vertrauenswürdigen Betriebsabläufen.
Karriereentwicklung, Mentoring und Frauen in der IT-Sicherheit
Das Gespräch dreht sich auch um Kathrinas Karriereweg, und hier wird die Folge für aufstrebende Führungskräfte besonders relevant. Ihr Werdegang war nicht von einem einzigen dramatischen Wendepunkt geprägt – stattdessen entwickelte sich ihre Karriere durch eine Abfolge von Entscheidungen: Sie begann im Controlling bei Siemens, wechselte dann in die Bereiche Strategie und M&A und konzentrierte sich schließlich auf die internationale Kundenbetreuung bei komplexen IT-Projekten. Ihrer Ansicht nach ist Karriereentwicklung selten das Ergebnis eines einzigen entscheidenden Moments – vielmehr handelt es sich um eine Reihe von Schritten, die von Menschen unternommen werden, die bereit sind, Unbehagen in Kauf zu nehmen und neue Bereiche zu erlernen.
Das ist ein nützlicher Gegenpol zu der Vorstellung, dass man sich für einen einzigen, perfekt linearen Weg entscheiden muss. Kathrinas eigener Werdegang zeigt, dass Tiefe aus Breite entstehen kann, insbesondere wenn frühere Positionen Grundlagen vermitteln, die auch später noch nützlich sind. Ihr Hintergrund im Controlling hilft ihr noch heute bei der Prüfung von Verträgen, Zahlen und der Projektleistung. Wie sie es ausdrückt: „Wenn man die Zahlen versteht, versteht man das Geschäft.“
Ihre Mentoring-Philosophie ist ebenso praxisorientiert – sie glaubt nicht an einen einzigen idealen Mentor. Stattdessen hat sie im Laufe der Zeit bewusst mit mehreren Mentoren zusammengearbeitet, von denen jeder in unterschiedlichen Bereichen seine Stärken hatte. Nun gibt sie dieses Modell weiter, indem sie selbst andere betreut. „Mentorin zu sein bedeutet, mehr zuzuhören als zu reden“, sagt sie. Dieser Satz ist heute wichtiger denn je, denn er bringt die wertvollste Form des Mentorings in technischen und Führungskontexten auf den Punkt: die Person einzuschätzen, statt allgemeine Ratschläge von der Stange zu geben.
Was Frauen in der IT und Cybersicherheit angeht, ist Kathrina direkt: Die Branche ist nach wie vor männerdominiert, insbesondere in Führungspositionen und im Kundenkontakt. Sie übertreibt das Problem nicht, beschönigt es aber auch nicht. Die Lösung besteht ihrer Ansicht nach nicht darin, eine Sonderbehandlung zu fordern, sondern durch Vorbereitung, Beständigkeit und professionelle Ausstrahlung Glaubwürdigkeit aufzubauen. Verhandlungsgeschick spielt dabei eine zentrale Rolle – sei es gegenüber Kunden, Kollegen oder der Führungsebene – und die Fähigkeit, sich gut vorzubereiten, ist es, was Respekt einbringt.
Dieser Abschnitt der Folge wird bei Frauen, die technische Führungspositionen bekleiden, auf Resonanz stoßen, ist aber auch für Unternehmen von Nutzen. Vielfältige Teams entstehen nicht allein durch gute Absichten; sie erfordern sichtbare Vorbilder, Mentoring-Systeme und ein Umfeld, in dem Fachkompetenz Vorrang vor Stereotypen hat.
Fazit
Diese Folge macht deutlich, dass Cybersicherheit in der IT längst keine eng gefasste technische Disziplin mehr ist – vielmehr handelt es sich um eine Herausforderung für Betriebsmodelle, die von KI, Regulierung, Infrastrukturabhängigkeit und menschlichem Verhalten geprägt ist. Kathrinas Perspektive ist gerade deshalb so wertvoll, weil sie auf realen Systemen basiert, in denen Sicherheit nicht nur theoretischer Natur sein kann. Automatisierte Grenzkontrollen, sensible Dokumente und grenzüberschreitende digitale Dienste erfordern alle dasselbe: Prozesse, die sowohl vertrauenswürdig als auch benutzerfreundlich sind.
Für Führungskräfte in der Wirtschaft lautet die Botschaft: Hören Sie auf, Cybersicherheit als Kostenfaktor zu betrachten, der losgelöst von der digitalen Strategie ist. Für technische Führungskräfte besteht die Aufgabe darin, Systeme zu entwerfen, die die Rückverfolgbarkeit gewährleisten, menschliche Fehler reduzieren und sicher skalierbar sind. Je tiefer Organisationen in die Automatisierung und KI-gestützte Abläufe vordringen, desto mehr werden diejenigen erfolgreich sein, die Sicherheit nicht als Hindernis betrachten, sondern als die Voraussetzung, die die digitale Transformation nachhaltig macht.